Der XR-Virus: Ein Leben bei 9800 Touren
Es gibt Momente im Leben, die brennen sich ein. Für mich war dieser Moment im Jahr 1987. Das erste Mal auf einer Honda XR600. Das erste Mal dieses dumpfe, souveräne Hämmern des Einzylinders unter mir, das sofortigen Vortrieb versprach. Zwar führte mich mein Weg kurzzeitig über eine Suzuki DR600, doch die Infektion war bereits erfolgt. 1989 korrigierte ich den Kurs: Die erste fabrikneue XR600R stand auf dem Hof. Es war nicht nur ein Kauf, es war der Beginn einer Ära.
Feuerprobe im Wettbewerb (1989–1991)
Ein Motorrad wie die XR gehört nicht in die Garage, sie gehört in den Dreck. In den Jahren '89 bis '91 stellte ich mich der Herausforderung der Deutschen Enduromeisterschaft. Aber der wahre Charakter der Honda zeigte sich bei der Rally Raid Transpania. Während andere schraubten, fuhr ich. Die extreme Zuverlässigkeit und die Qualität der Honda-Motoren waren nicht nur ein Werbeversprechen – sie waren meine Lebensversicherung im Gelände. Doch wer Rennen fährt, will irgendwann mehr. Das Ziel war klar: Wir müssen mehr Leistung aus diesem unzerstörbaren Block holen.
Die Pilgerreise: California Calling (1992)
Um die Besten zu schlagen, muss man von den Besten lernen. 1992 führte mich mein Weg in das "Gelobte Land" des Offroad-Sports: Die USA. Es war eine Pilgerreise zu den großen Namen der Szene: White Brothers, FMF, Carrillo, Pro Circuit.
Das absolute Highlight war jedoch das ausgiebige Gespräch mit der Legende selbst: Al Baker. Wenn es jemanden gab, der wusste, wie man einer XR das Fliegen beibringt, dann er. Dieses Gespräch über Motorentuning war der Schlüsselmoment. Ich kam nicht nur mit Koffern voller Teile zurück, sondern mit dem Wissen, wie man Grenzen verschiebt.
Das Monster: 67 PS bei 9800 U/min
Zurück in der Heimat setzten wir das Gelernte um. Die Standardleistung der XR (gemessene 38–42 PS) war nur der Anfang. Wir bauten ein Triebwerk, das mit einer normalen XR kaum noch etwas gemein hatte:
Hubraum: Aufgebohrt auf 660 Kubik.
Atmung: Ein 42er Mikuni-Vergaser in Kombination mit einem offenen K&N-Filter und der legendären Al-Baker-Rennauspuffanlage.
Das Ergebnis: Brachiale 67 PS.
Der Wahnsinn: Wir entfernten sogar die Ausgleichswelle. Das Ergebnis war ein Motor, der bis zu 9800 U/min drehte (Serie: max. 7500). Ja, sie vibrierte, sie war wild, aber die "Rüttelplatte" war unaufhaltsam.
Eine Clique im XR-Fieber
In den Jahren 1991 bis 1995 war mein gesamter Freundeskreis infiziert. Wir fuhren alles, was den Namen XR trug – von der 250er über die 400er bis zur 600er. Das Besondere daran: Die XR war für uns kein reines Sportgerät, das auf dem Anhänger zur Strecke gekarrt wurde. Sie war ein Baja-taugliches Abenteuermotorrad im Geiste von Scott Summers. Wir fuhren auf Achse durch ganz Europa, bis tief in die Wüste. Dass ein Motorrad, das man am Wochenende über die Motocross-Strecke prügelt, auch zuverlässig genug ist, um einen tausende Kilometer weit in den Urlaub zu tragen, ist vielleicht das größte Kompliment, das man der Ingenieurskunst von Honda machen kann.
